Der Schmalspurkapazunder vom Flascherlzug - ÖBB
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Der Schmalspurkapazunder vom Flascherlzug

Wer das Wort „Schmalspur“ hört oder gebraucht, dem fallen zuerst meist Schmähungen aller Art ein. Es scheint fast so, dass der Begriff Schmalspur einem beliebigen anderen Wort vorangestellt eine probate Verunglimpfung ergibt, zum Beispiel Schmalspurcasanova, Schmalspurakademiker oder Schmalspurganove. Gemeint ist dabei etwas, das nicht ganz ernst genommen werden kann, eine halbe Portion. Dabei ist die Schmalspur und ihr Anteil an der Eisenbahngeschichte nicht zu unterschätzen.

Alles wie vor hundert Jahren

„Schmalspur ist eine ganz eigene Welt“ meint Markus Mandl stolz. Er ist Betriebsleiter der Stainzerbahn oder Lokalbahn Preding-Wieselsdorf–Stainz, besser bekannt als „Stainzer Flascherlzug“. Diese historische Museumsbahn fährt seit 1892 auf 11,4 km durch das idyllische Tal des Stainzerbaches in der Südsteiermark. „Es ist hier noch alles wie vor hundert Jahren. Wir fahren mit Dampf, man spürt noch jeden Schienenstoß, jede Gleisunebenheit. Das ist ein ganz eigenes Fahrgefühl und das ist in unserer hektischen modernen Zeit etwas ganz besonderes.“ Tatsächlich fühlt man sich mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit versetzt, wenn man bereits am Areal vor dem Bahnhof steht. Das schmucke Gebäude ist ebenfalls über hundert Jahre alt und das Heizhaus ist eines der letzten in der Steiermark erhalten gebliebene Schmalspurheizhäuser. Einige der Weichen stammen noch aus der Gründerzeit, wie auch der Großteil der Schienen.

Auf bosnischer Spur

„Die Spurweite der Bahn beträgt 760mm, die in Österreich weitverbreitete sogenannte bosnische Spur“ erzählt Markus Mandl und bereitet seine Resita-Dampflok für die nächste Ausfahrt vor. Im Vergleich dazu ist die Normalspur mit 1.435 Millimetern fast doppelt so breit. Alles was kleiner ist, ist eben Schmalspur. Und das ist häufiger als der Laie denkt und auch kein historisches Auslaufmodel. Südafrika hat mit 20 000 Kilometer das größte Schmalspurnetz der Welt in der 1.067 Millimetern schmalen Kapspur. Sogar das Hightechland Japan fährt, abgesehen vom Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, komplett auf Schmalspur ab. Die Züge erreichen dort Spitzengeschwindigkeiten von 160kmh. Von solchen Geschwindigkeiten können historische Schmalspurzüge nur Träumen. Der Stainzer Flascherlzug fährt etwa eine Stunde für die 11,4 km lange Strecke, es geht also eher gemächlich zu. Das war schon immer so, nicht erst seit dem Museumsbetrieb.

Die Bahn mit den meisten Spitznamen

„Die Stainzerbahn hatte zahlreiche Spitznamen“, erinnert sich Markus. „Zur Zeit der steirischen Landesbahnen machten die Leute die „steirischen Langsambahnen“ draus. Oder sie nannten den Zug „Kukuruzexpress“. Die Fahrgeschwindigkeiten waren eben bescheiden.“ Die Vorteile der Schmalspur waren andere. Durch die Verkleinerung um etwa ein Drittel konnten die Bahnen günstiger gebaut werden, engere Kurven gefahren und damit schwierigere Trassen einfacher realisiert werden. Das machte sie zu typischen Verbindungsbahnen in Gegenden, die durch die Schmalspur besser und billiger erschlossen werden konnten.

Höllerhans und Flascherlzug

Aber warum eigentlich „Stainzer Flascherlzug“? Die Geschichte dieses Namens führt uns in die Zeit, als in Rachling ober Stainz der Wunderdoktor Johann Reinbacher, genannt „Höllerhansl“ (1866 – 1935) praktizierte. Angeblich war er in der Lage, durch die Beschau des Urins seiner Patienten verschiedene Krankheiten festzustellen. Diese „Gabe“ sprach sich so schnell herum, dass zahlreiche Heilungssuchende den Wunderdoktor aufsuchten. Es führte zu einem regelrechten Ansturm. Die Besucher aus aller Welt nahmen dabei zumeist den Zug, eine Flasche Urin im Gepäck. Dieser merkwürdige Anblick wurde auch in einem Volkslied festgehalten, dem Lied vom Höllerhans:

Auf an Bergerl drobm, goar net weit von Stainz, wohnt der Wunderdokta, der hoaßt Höllerhans. Wanns enk intressiert, wia er die Leut kuriert, schauts enk den Hansl an, wos der ols kann. Jeden Tog in ́d Fruah, keman von weit und breit mit dem Flascherlzug old und junge Leut. Trog ́n in Säck und Tosch ́n eahnri Wossaflosch ́n, auf den Berg hinauf in vollem Lauf.

Nach dem Tod des Höllerhans 1935 wurde es wieder ruhig auf der Stainzerbahn. Man kann aber getrost behaupten, dass die Bahn bis heute der Geschichte des Wunderdoktors und dem Flascherlzugnamen seine Existenz verdankt. Nachdem der Betrieb immer wieder vorübergehend eingestellt wurde – mittlerweile hatte eine schnellere Busverbindung den Zug zu einem Anachronismus gemacht – begann 1971 der museale Betrieb. Seit dem Erlöschen der Konzession für die Eisenbahnstrecke 1981 führt die Marktgemeinde Stainz die Sonderfahrten weiter.

Der „Flascherlzug“ ist heute eine Fremdenverkehrsattraktion mit rund 20.000 Fahrgästen jährlich. Es gibt heute wieder Flaschen, aber in Form von Schilcher und anderen Getränken. Das Lied vom Höllerhans wird zum Besten gegeben und im Führerstand der Dampflok steht zumeist der Schmalspurkapazunder Markus Mandl selbst und sorgt für eine gelungene Zeitreise.

Wo Markus im Zug am liebsten sitzt, hat verrät er uns hier. „5 Fragen – 5 Antworten. Mit Markus Mandl“

Übrigens: Ihr kennt jemanden, der eine tolle “Gleisgeschichte” zu erzählen hat? Dann meldet euch bei uns per Mail unter social-media@oebb.at.

 

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