Posch's Lok-Welt

„Pershings“ bei unseren Nachbarbahnen

Der Modernisierungsbedarf der Lokflotte in der Tschechoslowakei war derart enorm, dass Anfang der 1980er Jahre weit über 300 Lokomotiven zweier völlig neuartigen Baureihen beschafft wurden. Schienenverkehr. Bei dieser Geschichte handelt es natürlich nicht über die amerikanischen Mittelstreckenraketen mit atomarer Bestückung aus dem Kalten Krieg, sondern um eine höchst interessante Lokfamilie aus unserem nordöstlichen Nachbarland, bzw. nordöstlichen Nachbarländern.

Schon historisch bedingt, verfügt Tschechien über eines der am dichtesten ausgebauten Eisenbahnnetze in Europa. Dementsprechend hoch ist der Bedarf an Lokomotiven, zumal in der damaligen Tschechoslowakei die Elektrifizierung rasant umgesetzt wurde. Hinderlich für den Lokeinsatz war und ist die Verwendung von zwei unterschiedlichen Stromsystemen (stimmt nicht ganz, bis 1962 waren die Bahnstrecken rund um Praha (Prag) mit einem weiteren, dritten, Stromsystem elektrifiziert). Bis zum Erscheinen der ersten Mehrsystemloks der Reihe ES 499.0 (später 350 „Gorilla“) im Jahre 1974, mussten an den Systemtrennstellen die Züge immer umgespannt werden.

Mehrsystemloks

Der erfolgreiche Einsatz von den 20 Mehrsystemlokomotiven der Reihe ES 499.0 ließen die Verantwortlichen bei den Tschechoslowakischen Staatsbahnen (Ceske Dráhy – CSD) eine weitere Mehrsystemlok bei Skoda in Plzen (Pilsen) entwickeln. Bereits 1980 rollten die ersten beiden Prototyp-Loks der neuen CSD-Reihe ES 499.1 (ES 499.1001 und 1002) aus den Werkshallen. Während die ES 499.0 (Gorilla) noch ein leicht stromlinienförmiges Design erhielten, wurde das äußere Erscheinungsbild der neuen Loks sehr schlicht mit klaren und geraden Formen gehalten.

Die beiden neuen Loks legten den Anfang zu einer Großserie von Lokomotiven für den Mehrsystemeinsatz (181 Stück – Reihe 363), für den Einsatz unter der Gleichstromfahrleitung (180 Stück – Reihe 162/163) und Wechselstromfahrleitung (12 Stück – Reihe 263). Bis Anfang der 1990er Jahre wurde die gesamte Flotte an die Tschechoslowakischen Staatsbahnen übergeben. Nicht ganz jedenfalls, denn 9 Stück der Reihe 162 wurden 1992 von Skoda an die Norditalienische „Ferrovie Nord Milano“ (FNM) verkauft.

Universallok

Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei in zwei souveräne Staaten, wurden auch die Lokparks entsprechend aufgeteilt. So prägen heute diese Lokomotiven sowohl in Tschechien als auch in der Slowakei das Bild des aktuellen Bahnbetriebs wie kaum ein anderes Fahrzeug. Schwere Schnellzüge in der Hohen Tatra, Nahverkehrszüge im Wendezugsbetrieb in Ballungsräumen, Güterzüge aller Art und viele Einsatzgebiete mehr, zählen heute zum Leistungsportfolio dieser weit verbreiteten Lokomotivfamilie. Sogar bis nach Budapest sind die slowakischen Maschinen unterwegs.

Sehr bald bekamen die Loks auch einen Spitznamen „aufgebrummt“; sie wurden als „Pershing“ oder auf Deutsch auch als „Rakete“ bezeichnet. Wobei die Loks mit ihren 120 bzw. 140 km/h keineswegs zu spurtstarken Fahrzeugen zählen. Als die letzten Loks der verschiedenen Serien ausgeliefert wurden, erfolgte zeitgleich die Abrüstung der Pershing-Mittelstreckenraketen, aber das ist eine andere Geschichte.

Verschiedene Umbauten

Bei einer derart umfassenden Lok-Generation, die über mehrere Jahre im Einsatz steht, haben sich zwischenzeitlich auch die Einsatzanforderungen geändert. So wurden zahlreiche Fahrzeuge regelrecht „Kreuz und Quer“ umgebaut. Die wichtigsten Umbauten betrafen vor allem die Ausrüstung mit anderen Getriebeübersetzungen und die Ausrüstung auf Mehrsystemtauglichkeit. Eine genaue Auflistung aller Umbauten würde hier den Rahmen sprengen.

Nach dem Einsatzende der 9 Lokomotiven der Reihe 162 in Italien, kaufte das Eisenbahnverkehrsunternehmen „regiojet“ die Fahrzeuge und setzt diese heute unter anderem zwischen Prag und Kosice (Kaschau – SK) ein. Eine weitere Mehrsystmlok wurde von diesen Fahrzeugen abgeleitet, nämlich die Reihe 371/372/DB 180, die vor allem auf der Elbtalstrecke zwischen Prag und Dresden zum Einsatz gelang(t)en.

Fact Box:

Baureihe: 162/163/263/363
Leistung: 3.480 KW/3.060 KW
Gewicht: 84 t/84,2 t/87 t
Geschwindigkeit: 120 km/h/140 km/h/160 km/h
Achsfolge: B0’B0‘
Baujahre: 1980-1992

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