Generationswechsel

Talente für die ÖBB – die Reihen 4023, 4024 und 4124

Die Anfang der 2000er in die Jahre gekommene Flotte von ÖBB-Personenwaggons und die noch immer beträchtliche Anzahl an Altbautriebwagen der Reihe 4030 veranlasste die ÖBB-Personenverkehr AG zur Beschaffung einer völlig neuen und barrierefrei zugänglichen Fahrzeuggeneration.Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet die Europäische Fahrzeugindustrie an verschiedenen Triebwagentypen, die unterschiedlicher nicht sein können. Initiiert durch umfangreiche Fahrzeugbestellungen in Deutschland haben verschiedenste Hersteller interessante und barrierefrei zugänglich gestaltete Fahrzeuge in Betrieb genommen. 1996 rollte vom Herstellerwerk TALBOT in Aachen der erste dreiteilige TALENT-Nahverkehrszug auf Deutschlands Schienennetz. Auch TALBOT verwendete als Produktbezeichnung einen Namen, der sich auch bestens als Marketingnamen eignet und dennoch eng mit dem Hersteller verbunden ist.


Foto: (c) Christoph Posch

Kreativität auch bei der Namensgebung

TALENT bedeutet so viel wie „TALBOT leichter Nahverkehrs-Triebwagen“ und leitet sich aus den jeweiligen Anfangsbuchstaben ab. Die Fahrzeugfamilie hob sich durch viele Neuerungen gegenüber herkömmlicher Triebwagengarnituren ab und zielte vor allem auf den Nah- und Regionalverkehr sowie dem Betrieb auf S-Bahnen ab. Das Prototypfahrzeug war ein dreiteiliger Dieseltriebwagen mit mechanischer Kraftübertragung. In der Produktpalette wurden anfangs zwei- oder dreiteilige Dieselfahrzeuge mit mechanischer oder elektrischer Kraftübertragung angeboten. Die Wagenübergänge ruhen auf so genannten Jacobs-Drehgestellen. Das modulare Fahrzeugkonzept sah auch verschiedene Einstiegshöhen vor, denn die Bedürfnisse von mobilitätseingeschränkten Fahrgästen gilt es ebenfalls zu erfüllen. Das Bestuhlungskonzept richtete sich nach den Vorgaben und Anforderungen der jeweiligen Besteller.

Zusätzlich zur Deutschen Bundesbahn, die zwei- und dreiteilige Dieseltriebwagen orderte, wurden TALENT-Fahrzeuge auch bei privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen zunehmend beschafft. Der Produktname wurde auch vom neuen Eigentümer der Fertigungsstätte, dem kanadischen Unternehmen Bombardier, beibehalten.


Foto: (c) Christoph Posch

ÖBB planen umfangreiche Fahrzeugbestellung

Sowohl für die neue S-Bahn in Salzburg als auch das bislang umfangreichste S-Bahn Netz in Wien und für der Nah- Und Regionalverkehr planten die ÖBB Anfang der 2000er Jahre eine umfangreiche Fahrzeugbestellung. Die große noch vorhandene Flotte an Reisezugswaggons verschiedenster Altbaureihen, unter anderem auch vom Typ „Schlieren“, und die Tatsache, dass noch immer 1950er Triebwagen der Reihe 4030 eingesetzt wurden, veranlasste die ÖBB eine Beschaffung von barrierefrei zugänglichen Neubaufahrzeugen auszuschreiben.


Foto: (c) Christoph Posch

Das Österreichische System der Verkehrsverbünde musste dabei auch berücksichtigt werden. Die so genannten Verkehrsverbünde in den Bundesländern sind, vereinfacht ausgedrückt ,von den jeweiligen Landesregierungen beauftragt, die jeweiligen Nahverkehrsdienstleistungen auf der Straße und Schiene zu organisieren und bei den jeweiligen Verkehrsunternehmen zu bestellen. Dabei gelten teilweise besonders strenge Regeln, was auch den Einsatz von Fahrzeugen betrifft. In den Verkehrsdiensteverträgen werden sämtliche Anforderungen bis hin zur Mitfinanzierung der einzusetzenden Fahrzeuge geregelt und vertraglich fixiert.

Ausschreibung einer neuen Fahrzeuggeneration

Unter diesen Vorgaben wurde vor knapp 15 Jahren der Beschaffungsprozess einer neuen Generation von 140 km/h schnellen elektrisch betriebenen Nahverkehrsfahrzeugen, die im gesamten Bundesgebiet und auf der Wiener Schnellbahn eingesetzt werden sollten, gestartet. Eine wesentliche Voraussetzung bestand auch darin, dass entsprechende Leistungsbestellungen der Länder mit den ÖBB abgeschlossen werden. Nach einem intensiven Ausschreibungsverfahren und der abschließenden Kuvertrunde ging Bombardier mit dem TALENT als Bestbieter hervor. Beschafft werden sollten elf dreiteilige Fahrzeuge der Reihe 4023 für die S-Bahn Salzburg und 140 vierteilige Fahrzeuge der Reihe 4024 für alle übrigen Einsatzbereiche. Sämtliche Fahrzeuge sollten in Aachen gebaut, nach Österreich überführt und bei den ÖBB in Floridsdorf komplettiert und in Betrieb gesetzt werden.

Als Partner für den elektrischen Teil zeichnete das Österreichische Unternehmen Elin verantwortlich. Da es sich bei den ÖBB-Fahrzeugen um die ersten Elektrotriebwagen der TALENT-Fahrzeugfamilie handelt, mussten in ihrer Entwicklung neue Wege beschritten werden. Natürlich verfügen die Fahrzeuge über einen zeitgemäßen Drehstromantrieb, Klimatisierung und viele weitere „Zutaten“ der heutigen Zeit.


Foto: (c) Christoph Posch

2004 wurden die ersten Fahrzeuge an die ÖBB abgeliefert. Nach den ersten Betriebseinsätzen bei der S-Bahn Salzburg mussten zahlreiche Mängel behoben werden. Unter anderem war der Einbau einer am Fahrzeug gebundenen Rollstuhlrampe notwendig. Weitere Modifikationen betrafen den Innenraum, technische Details und die Fahrzeugsoftware.

Ein Fahrzeug, drei Varianten

Die über mehrere Jahre andauernde Lieferung der TALENT Triebwagen verlief weitgehend reibungslos. Zusätzlich zu den 4023 und 4024 wurde auch noch 37 Stück einer Zweisystemvariante 4124 (anfangs 4824) für den Verkehr in Richtung Ungarn geordert. Mittlerweile sind die TALENT-Nahverkehrszüge in ganz Österreich zuverlässig tagtäglich im Einsatz und bilden das Rückgrat im Nahverkehr bei den ÖBB. Passend zu ihren Einsatzbereichen tragen die Züge seitlich Abbildungen der jeweiligen Verkehrsverbünde oder S-Bahnen. Drei Züge sind derzeit mit einer Außenflächenwerbung versehen. Übrigens, vom elektrischen Talent beschafft derzeit auch die Deutsche Bahn eine größere Serie aber in einer stark modifizierten Version. Insgesamt wurden seit 1996 bis heute an die 1.000 TALENT-Züge unterschiedlichster Bauarten gefertigt.

Aber die Geschichte zum TALENT ist noch nicht zu Ende. Die Deutsche Bahn hat eine große Anzahl an Zügen der zweiten Generation bestellt, die unter anderem auch bis nach Innsbruck gelangen. Durch ihre geänderte Bauform erhielten sie bald den Spitznamen „Hamsterbacken“. Und auch die ÖBB platzierten zum Jahreswechsel einen Auftrag zur Lieferung von völlig neuen Triebzügen, der Type TALENT 3. Wir werden in den nächsten Wochen darüber im Detail berichten.

Fact Box:

4023
Achsfolge: Bo‘2‘2’Bo‘
Geschwindigkeit: 140 km/h
Leistung: 1.440 kW
Gewicht: 96 t
Länge: 52 m
Sitzplätze: 151

4024/4124:
Achsfolge: Bo‘2‘2‘2’Bo‘
Geschwindigkeit: 140 km/h
Leistung: 1.520 kW
Gewicht: 116 t
Länge: 69 m
Sitzplätze: 199

Kommentare