Wo täglich noch gekurbelt wird

In Imsterberg arbeiten die Letzten ihrer Art: Fünf Schrankenwärter sorgen händisch dafür, dass der Zugverkehr Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr, Vorrang vor den Autos genießt. Doch bald ist es damit vorbei.

Beitrag Tiroler Tageszeitung vom 26.04.2017
Text: Philipp Schwartze · Fotos: Rudy De Moor

Im Minutentakt schellt im kleinen Häuschen des Haltepunkts Imsterberg das Telefon. Stefan Melmer nimmt den grauen Hörer ab. Einige Zahlenkombinationen werden ausgetauscht, dann folgt ein „Verstanden“. Kurz darauf tritt Melmer aus der Tür und dreht an einer Kurbel. Der Bahnübergang schließt sich. Zwischen Bregenz und Wien gehören Melmer und seine vier Kollegen zu den letzten Schrankenwärtern. Seit sieben Uhr Früh ist der 47-jährige gebürtige Pitztaler bereits an seinem Arbeitsplatz, bedient von hier aus eine Schranke per Handkurbel, weitere drei per Fernsteuerung. Ein letztes Stück Eisenbahnromantik im Westen Tirols.

Seit 13 Jahren schließt und öffnet Schrankenwärter Stefan Melmer in Imsterberg die Schranken: per Handkurbel. Foto: Rudy De Moor
Seit 13 Jahren schließt und öffnet Schrankenwärter Stefan Melmer in Imsterberg die Schranken: per Handkurbel.
Foto: Rudy De Moor

Beständiges Auf und Ab

Ein Railjet nach Zürich rauscht vorbei. Nach der Durchfahrt öffnet Melmer die Schranken und kehrt zurück ins Büro. „Der Verkehr hat deutlich zugenommen. Wir haben inzwischen 110 bis 120 Züge pro Tag.“ Das bedeutet kaum eine ruhige Minute für den Schrankenwärter. Jeder Zug wird von den Fahrdienstleitern in Imst und Schönwies telefonisch angekündigt. Melmer notiert sich die Zeiten, steuert zwei Signale in seinem Bereich über ein Bedienpult und tritt wieder vor die Tür, um die Schranken zu schließen. Nächster Zug, dasselbe Spiel. „Ist doch ein schönes Wetter heut’?“, lacht er trotz Schneerieseln und ungemütlichem Wind.

“Verantwortung hat man in diesem Job genug. Man muss zwölf Stunden mit dem Kopf bei der Sache sein.“

Zwölf Stunden dauert eine Schicht, von sieben Uhr bis 19 Uhr, dann löst ihn der Kollege der Nachtschicht ab. Ablenkung, wie etwa Fernseher, gibt es nicht, schließlich trägt der Schrankenwärter hohe Verantwortung. „Das verstehen die Leute oft nicht, dass wir die Schranken nicht zu Fleiß vor ihnen herunterkurbeln, sondern wegen der Sicherheit.“ Oftmals gäbe es Proteste. „Dabei machen wir nur unseren Job.“ Gut gelaunt und mit einem Lächeln auf dem Gesicht pendelt der 47-Jährige zwischen Schreibtisch und Kurbelanlage hin und her, beobachtet und überwacht die Durchfahrt der Züge und grüßt die Lokführer.

„Ursprünglich war ich in Landeck, dann in den Stellwerken in Innsbruck Hauptbahnhof und anschließend am Westbahnhof. Die gibt es nun aber nicht mehr. Jetzt bin ich seit 13 Jahren hier“, schildert Melmer sein bewegtes Arbeitsleben. „Mich hat die Eisenbahn begeistert und da habe ich gewusst, das will ich machen. So Bahn-narrisch wie manche Kollegen bin ich aber nicht“, schmunzelt der in Zams lebende Eisenbahner.

Während draußen an diesem Apriltag die Temperaturen um den Gefrierpunkt liegen, ist es im Schrankenwärter-Büro angenehm warm. Zwei Bildschirme sind in diesem Raum die einzigen Zeichen der Modernisierung. „Es hat sich schon einiges getan. Früher hatten wir nur das Telefon und wussten manchmal nicht, kommt der Zug jetzt oder nicht“, sieht der Eisenbahner Fortschritte, die dem Laien entgehen. Auf einem der beiden Bildschirme wird ihm die Position der Züge angezeigt. Eine weitere Sicherheitsvorkehrung, aber ohne das gute alte Telefon geht hier nach wie vor nichts.

Der erste Griff der Schrankenwärter geht zum Telefon, über das die Züge angekündigt werden. Foto: Rudy De Moor
Der erste Griff der Schrankenwärter geht zum Telefon, über das die Züge angekündigt werden.
Foto: Rudy De Moor

Zwei bis drei Minuten, bevor die Züge in Imst oder Schönwies ab- oder durchfahren, müssen die Schranken in Imsterberg von Melmer oder seinen Kollegen geschlossen werden. „Damit man, wenn etwas nicht funktioniert, noch Zeit hat, das zu melden“, erklärt der Pitztaler. Zugunfälle, wie der Zusammenstoß vergangenes Jahr im deutschen Bad Aiblingen mit zwölf Toten, gehen auch hier nicht spurlos vorüber. „Da denkt man schon nach. Denn Verantwortung hat man in diesem Job genug, muss zwölf Stunden mit dem Kopf bei der Sache sein.“ Lebenswichtig ist Melmers Tätigkeit für die Tausenden Reisenden, die von den Schrankenwärter und deren Arbeit auf ihren Bahnreisen aber wohl kaum etwas mitbekommen.

Kein Muskelkater trotz Kurbeln

Neue Schrankenwärter werden nicht mehr ausgebildet, weshalb bei Krankheit, Fortbildung oder Urlaub hin und wieder Fahrdienstleiter einspringen müssen. „Die sind dann erstaunt, wie viel Arbeit das eigentlich ist“, schmunzelt Routinier Melmer. Mitunter werde dieser Job reichlich unterschätzt.

Direkt vor dem Dienstgebäude wird an der Kurbel Hand angelegt. Foto: Rudy De Moor
Direkt vor dem Dienstgebäude wird an der Kurbel Hand angelegt.
Foto: Rudy De Moor

Muskelkater bekommt Melmer von der Kurbelei nach eigener Aussage dennoch nicht. „Das tut nix“, sagt er lässig beim Kurbeln. Ein Handgriff, den er täglich Dutzende Male ausführt und den Flaschenzug zu bedienen, der den meisten Kraftaufwand beim Hochziehen der Schranke leistet.

Über einen Flaschenzug ist die Kurbel mit den beiden Schranken verbunden. Foto: Rudy De Moor
Über einen Flaschenzug ist die Kurbel mit den beiden Schranken verbunden.
Foto: Rudy De Moor

Noch kurbelt er. Ersatzteile gibt es für die alte Anlage der im Jahr 1844 eröffneten Arlbergstrecke kaum mehr, sie stammen  daher oft aus bereits abgebauten Schrankenanlagen. Neuere Anlagen sind weniger anfällig, da dort die Drahtseile durch Kabel ersetzt werden, die Steuerungssignale an die Schranken-Motoren senden.

Das Ende ist absehbar

In rund zwei Jahren wird der Tag des Abbaus daher auch in Imsterberg nahen und der letzte Schrankenwärter Tirols verschwinden. Im Zuge einer Streckensperrung soll die Anlage modernisiert werden, dann steuert der Zug selbst die Schranken. Aufzuhalten ist diese Entwicklung längst nicht mehr, aber Melmer ist derartige Schließungen aus Landeck und Innsbruck gewohnt. Wo das Schicksal eine Schranke schließt, öffnet sich andernorts eine neue, könnte man  da behaupten.

(Bild links) Freie Fahrt: Sind die rot-weiß-gestreiften Balken unten, kann der Zug vorbeirauschen. (Bild rechts) Der Arbeitsplatz: In Imsterberg scheint die Zeit noch etwas stehen geblieben zu sein – ein Hauch von Eisenbahnromantik weht an diesem Ort. Fotos: Rudy De Moor
(Bild links) Freie Fahrt: Sind die rot-weiß-gestreiften Balken unten, kann der Zug vorbeirauschen. (Bild rechts) Der Arbeitsplatz: In Imsterberg scheint die Zeit noch etwas stehen geblieben zu sein – ein Hauch von Eisenbahnromantik weht an diesem Ort.
Fotos: Rudy De Moor

Noch ist in Imsterberg jedenfalls keine Wehmut zu spüren – dazu bleibt zwischen den eng getakteten Zugdurchfahrten auch kaum Zeit. Und bis es so weit ist, wird Melmer selbst ohnehin noch einige tausend Mal die Schranken Zug für Zug hoch- und runterkurbeln.

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